Die vergessene Kunst des Spürens

Schnell. Schneller. Am Schnellsten. Das ist das Motto unserer Zeit. Schnell zum Orgasmus. Schnell die Karriereleiter rauf. Schnell das Business aufbauen. Schnell das Kind gebären. Schnell zwischendurch essen. Schnell mal den Haushalt machen. Schnell die Kinder zur Schule bringen. Schnell, schnell, schnell … Somit bestimmen Stress und damit leider auch Erschöpfung den Tages- sowie Nachtablauf mit. Das Spüren bleibt dabei leider auf der Strecke.

Mittlerweile belegen auch Studien, das ein rasanter Anstieg stressbedingter Erkrankungen vorliegt. Laut einer von der AOK durchführten Studie aus dem Jahr 2010 sind im Zeitraum von 1999 bis 2010 die Anzahl der Fehltage aufgrund von psychischer Erkrankungen um 80% gestiegen, wobei hier vor allem Frauen betroffen waren. Doch es wäre wohl ein Irrglaube anzunehmen, dass Männer weniger stressbelastet sind. Der Umsatz mit Psychopharmaka im Jahre 2009 betrug gemäß Statista.com 1.098 Millionen auf dem deutschen Markt der GKV (Neuroleptika 1.067 Mio., Antidepressiva 752 Mio., Beruhigungsmittel 89 Mio.). Das war vor 7 Jahren!

Zeit- und Leistungsdruck sind nicht zu unterschätzende Begleiterscheinung unserer Gesellschaft. Zeit- und Leistungsdruck machen vor der eigenen Haustüre nicht halt. Zeit- und Leistungsdruck überträgt sich auf alle Familienmitglieder, von groß bis ganz klein. Zeit- und Leistungsdruck hat auch Auswirkungen auf unser intimes Privatleben.

Soweit der Punkt an dem wir heute stehen. Was ist nun spüren?

Spüren. Laut duden.de ist spüren:

  1. körperlich empfinden, wahrnehmen, fühlen
  2. gefühlsmäßig, instinktiv, fühlen, merken, verspüren.

Wer massiert, dem fällt es besonders auf, dass das Abschalten der Gedanken, das Runterfahren der ständigen gedanklichen Suche nach Lösungen für Probleme des beruflichen und privaten Lebens, das Rausnehmen aus dem Zeit- und Leistungsdruck etwas ist, was vielen sehr schwer fällt. Doch genau hier liegt die Herausforderung im wirklichen spüren, sowohl auf der körperlichen als auch auf der mentalen Ebene.

Für den Massierenden bedeutet es zu erspüren, an welcher Stelle der Körper sich nach Berührung sehnt. Wenn ich bei der sinnlich erotischen Massage bleibe, ist es ein Irrglaube anzunehmen, dass es sich dabei explizit nur um die intimen Bereiche handelt. Der Körper ist so komplex und alles ist miteinander vernetzt, so dass eine Berührung der Ohren ein wohliges Gefühl im ganzen Körper hervorrufen kann. Die bewährte Fußreflexzonenmassage ist auch ein gutes Beispiel, wie die Berührung der Füsse Einfluss auf den ganzen Körper haben kann.

Für den Empfangenden der Berührung ist es teilweise eine Herausforderung sich auf die Berührung des Gebenden einzulassen, wenn spüren gleichgesetzt wird mit Orgasmus erleben. Keine Seltenheit übrigens bei erotischen Massagen.

Bei der Selbstberührung ist das Spüren und Erleben des eigenen Körpers für viele leider immer noch mit mehr Frust als Lust verbunden. Lust, Sinnlichkeit und Spüren stehen in Polarität zu Schnelligkeit, Druck und Geilheit. Wer sich selbst und seinen Körper spüren möchte, braucht den Abstand zu allem, was sie oder ihn unter Druck setzt.

Gar nichts so einfach, aber auch nicht unmöglich. Ich glaube auch, dass „spüren“ eine Fähigkeit ist, die in jedem irgendwo schlummert. Es wartet darauf aufgeweckt und an die Oberfläche geholt zu werden. Nichts geht verloren. Es wird nur wieder Zeit, dass wir uns daran erinnern, was es bedeutet, wirklich zu spüren. Spüren muss auch nicht gleich immer nur im sexuellen Kontext gesehen werden.

Es geht darum, das Motto „Schnell, schneller, am schnellsten“ loszulassen. In erster Linie für sich einen Weg zu finden, das Zeit und Leistung keinen Druck mehr erzeugen, sondern in einem wohltuenden Maß von Anspannung und Entspannung uns glücklich machen. Wenn sich immer mehr von uns auf die Entdeckungsreise “Spüren” begeben, wird es bestimmt möglich sein, dass sowohl die oben erwähnten Symptome verschwinden als auch die Zahlen vielleicht auf wundersame Weise nach unten gehen.

Dann wird auch ein Spüren auf allen Ebenen, vor allem aber körperlich, wieder möglich.

Alles Liebe, Aksana.

 

 

Photo: 123RF Lizenzfreie Bilder von Ivan Mikhaylov

Quellen:
1. Umsatz mit Psychopharmaka Statista.com
2. Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen

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